29.07.2020

Weit über die Grenzen von Grafenwöhr hinaus bekannt ist das Deutsch-Amerikanische Volksfest. Jährlich strömen am ersten Augustwochenende über 100.000 Besucher aus Nah und Fern zu diesem Ereignis und tauchen für kurze Zeit in die einmalige bayerische und amerikanische Welt am Truppenübungsplatz ein. Fahrgeschäfte, Waffenschau, Vorführungen, Essen in allen Variationen und unzählige Musikstile lassen die Herzen der Besucher höherschlagen. Das Kultur- und Militärmuseum Grafenwöhr hat in seiner Rubrik „Grafenwöhrer G’schichterler“ in der Historie des Festes gestöbert und interessante Fakten zusammengetragen.

Nur zweimal in der Geschichte ist das Volksfest bisher ausgefallen. 2013 wegen der angespannten Haushaltslage in den USA und 2020 wegen der Corona-Krise.Was viele nicht mehr wissen: Die gesamten Erlöse des Festes dienen einem sozialen Zweck. An Weihnachten beschenkt der Veranstalter, der DAGA bedürftige Kinder, Kranke und Familien. Gefördert werden Jugend- und Studentenaustausche zwischen Deutschland und Amerika, karitative Einrichtungen, Schulen, Kindergärten, Kinderspielplätze, Seniorenheime und bedürftige Personen in der nördlichen Oberpfalz. Und das bis heute.

Seit 1957 wird mit dem Volksfest die deutsch-amerikanische Freundschaft in großem Stil gefeiert. Die 5 Jahre davor gab es bereits die deutsch-amerikanische Freundschaftswoche. Organisator und Veranstalter ist der Deutsch-Amerikanische Gemeinsame Ausschuss (DAGA), der jeweils einen deutschen und einen amerikanischen Präsidenten hat. Zu seinen Aufgaben zählen kulturelle und gesellschaftliche Aktivitäten, Wohltätigkeit und die Förderung von Kontakten zwischen Deutschen und Amerikanern. Und dazu gibt es am Volksfest genügend Möglichkeiten.

 

In den ersten Jahren fand das Volksfest im Juni rund um Pfingsten statt, da der Schützenverein Grafenwöhr sein traditionelles Volksfest im August feierte. Seit 1968 ist das erste Augustwochenende das Synonym für das Volksfest. Von Anfang an berichten die Zeitungen über einen guten Besuch und hohe Reinerlöse. Die Organisatoren wollten den Besuchern etwas bieten und kündigten im Mai 1960 an „Es soll mit seinen Darbietungen das vorjährige Volksfest noch übertreffen“. Das Dreitagesfest wartete in den 60er Jahren mit allerlei spektakulären Aktionen wie Auto-Shows, Boxkämpfen und Sportvorführungen, Prominenz und lustigen Spielen auf. 1962 beehrte das damalige Boxidol Max Schmeling das Volksfest. Action-Fans kamen bei einem Motorrad-Rodeo auf ihre Kosten. Ein Jahr später wurde Christl Söllner zur ersten „Miss Volksfest“ gekürt. Amüsant war das Spiel, bei dem man mit gezielten Ballschüssen, Personen ins Wasser plumpsen lassen konnte. Attraktion war und ist bis heute die Waffenschau von US-Army und Bundeswehr. Eine Honest-John-Rakete (1960er), Hubschrauber oder Panzer aus der Nähe betrachten, sich reinsetzen und erklären lassen, das zieht auch heute noch viele Interessierte an.

Als „Volksfest der offenen Herzen“ bezeichnete 1963 die Zeitung „Der Neue Tag“ das gemeinschaftliche Fest von Deutschen und Amerikanern. 1966 berichtet die Presse vom in Grafenwöhr altgewohnten Bild des fröhlichen Durcheinanders von Zivil und Uniformen. Attraktionen, die Tausende Besucher in den Bann zogen waren diesmal Vorführungen der Diensthunde vom Zollamt Waidhaus, Reit-, Spring- und Voltigierübungen des Reiterclubs Weiden sowie Auftritte der Hirschauer Volkssänger und Waldnaabtaler Trachtengruppe. Auch amerikanische Musik durfte natürlich nicht fehlen und war in Form von Rockbands, Country Music und Rock’n’Roll stets vorhanden. Als bundesweit prominente Gäste waren Marianne Koch und Hans Sachs, bekannt aus der Rateshow mit dem Schweinderl „Wer bin ich?“ mit Robert Lembke dabei und brachten Glanz auf das Volksfest und verliehen die Preise vom Reitwettbewerb. 1972 konnte man Schlagerstar Peggy March als Gast gewinnen, die sich vor Autogrammjägern kaum retten konnte. Auch an die Kinder und Familien wurde stets gedacht, so z.B. bei Kindertheater mit Pantomime (keine Sprachbarriere) oder einem Puppentheater, das ein internationales Musical zeigte. Musikalisch lautete das Motto immer Multikulti und so traten unter anderem Tanzgruppen amerikanischer Indianer, Mexikaner und Polynesier, der Chor der 7. Armee und kanadische Dudelsackpfeifer bei dem Freundschaftsfest auf. Spektakulär waren die Rodeo-Reitershows und vor allem die Auto-Shows und Slalomrennen des Automobil Racing Club Grafenwöhr. Weiterhin konnten Besucher in den 70ern Fallschirmspringen und sich aus Hubschraubern abseilen lassen.

Waren es drei Jahre vorher noch Modell-Flugzeug-Vorführungen, so beeindruckte Weltmeister Manfred Strössenreuther 1977 mit schwindelerregenden Spiralen und Loopings bei einer Kunstflug-Schau. Nicht fehlen durfte viele Jahre lang zum Abschluss des Festes ein Brillant-Feuerwerk. Mit den gelösten Eintrittskarten konnte man früher an einer großen Lotterie teilnehmen, deren Preise sich sehen lassen konnten. Ein Auto, ein Motorrad und viele weitere wertvolle Sachpreise nahmen die Besucher mit nach Hause. Das Rahmenprogramm ging immer mit der Zeit und so gab es Ende der 80er Jahre und Anfang der 90er wieder Boxkämpfe und neuerdings Bodybuilding-Vorführungen.

Im Hintergrund arbeiteten jedes Jahr fleißig die Mitglieder des DAGA, darunter auch die Damenriege. Großes Herzblut steckte „Mr. Volksfest“ Andrew Claddas in das Fest, er erhielt diverse Orden und wurde mit großem Bedauern 1973 nach 18 Jahren Wirken in Deutschland, in die USA verabschiedet. Erfolgreiche Präsidentengespanne des DAGA für viele Jahre hinweg waren jeweils amerikanische Würdenträger und der unermüdliche Fred Arnold. Unschlagbar ist auch das derzeitige Gespann James Federline und Helmuth Wächter.

1967 wurde beim Reingewinn des Volksfestes für den sozialen Zweck erstmals ein Rekord von 120.000 Mark aufgestellt. Der DAGA wirbt auf seinem Plakat bis heute damit, dass die Erlöse einem guten Zweck zugeführt werden. Früher las sich das folgendermaßen: Wenn die Besucher dann frohgelaunt vom Festplatz zurückkehren, werden sie Gewissheit haben, neben dem Vergnügen auch einen Beitrag für eine gute Sache geleistet zu haben.

 

In den 70er und 80er Jahren wurden immer wieder neue Rekorde an Besuchern, Verzehrmengen und Reinerlösen  gemeldet. 1982 schenkte man 250 Hektoliter Bier aus und verzehrte vier Wildschweine.

1997 meldet der Stadtanzeiger, dass das Volksfest nach wie vor von Mal zu Mal Rekorde purzeln lässt. Autos der Gäste stauten sich bis zur Bahnhofstraße und bis nach Hütten, 130 Hektoliter Bier, 10.000 Hamburger, 3.500 Rippchen, 19.000 Becher American Ice Cream (je ein halbes Pfund) wurden geschlemmt.

Mehrmals wechselte der Festplatz seinen Standort. Es waren immer Zeltcamps, die an der Panzerstraße lagen und so gut erreichbar waren. Feierte man bis 1998 im Camp Tunesia (heute in etwa Parkplatz zw. Post und Gefangenen-Friedhof), danach noch bis 2002 mit 137 Buden im Camp Cheb, so fand das Volksfest seit  2003 einen neuen Standort im Camp Kasserine, das bis heute Festplatz ist und bis zu 130 Stände und zwei Bierzelte umfasst. Die Besucherzahl pendelte sich in den 80er, 90er und auch 2000er Jahren bei rund 50.000 Personen ein. Früher wurde für Erwachsene Eintritt verlangt, heute ist das Fest eintrittsfrei. Seit 2008 stiegen die Besucherzahlen von 80.000, auf mittlerweile plus minus 100.000 Besucher in drei Tagen. Das Wetter spielt dabei eine große Rolle. Ist es zu schön, sind die Leute lieber im Freibad, deshalb ist eine Mischung aus gutem und schlechtem Wetter ideal für das Volksfest, so die Meinung der Organisatoren. Um die Massen zum Festplatz zu bringen, gibt es seit vielen Jahren Pendelbusse, die Besucher von mehreren Standorten aus direkt zum Camp Kasserine bringen. Trotz gestiegener notwendiger Sicherheitsvorkehrungen wollen nach wie vor jährlich Tausende Besucher den „Bavarian-American Way of Life“ auf dem deutsch-amerikanischen Volksfest genießen. Und das ist gut so. Der Besucher möge sich beim nächsten Volksfest daran erinnern, dass sämtliche Erlöse einem sozialen Zweck zugeführt werden. Also sei ihm eine Maß mehr gegönnt, er tut damit nicht nur sich einen Gefallen …

 

SCHMÖKERTIPP: Viele Anekdoten und Geschichten gibt es zum Nachlesen in der Stadtchronik, die in Buchform oder als DVD im Kultur- und Militärmuseum erhältlich ist.

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