29.06.2020

110 Jahre sind seit dem ersten Schuss am 30. Juni 1910 auf dem Truppenübungsplatz vergangen. Der Schuss schaffte es damals nicht ins Ziel. Ein Volltreffer dagegen war dieser erste Schuss für die Stadt Grafenwöhr.

Wie alles begann

Die Industrialisierung war um 1900 in Deutschland in vollem Gange, doch die Gegend um Grafenwöhr blieb außen vor. Die größte Errungenschaft war wohl 1904 der Eisenbahnanschluss. Als 1906 die Genehmigung für den Bau des Truppenübungsplatzes in Grafenwöhr von Prinzregent Luitpold kam, entwickelte sich eine Dynamik, welche die Stadt im Laufe der Zeit immer wieder erfahren durfte. 1907 lagen im Mai bereits neun Konzessionsgesuche für die Eröffnung von Gastwirtschaften vor. Der enorme Zuzug von Arbeitern, Geschäftsleuten und Gastarbeitern bewirkte eine Verdoppelung der Einwohnerzahl von 961 im Jahr 1909 auf 1841 Einwohner im Jahr 1910.

Dass Grafenwöhr mit Eröffnung des Truppenübungsplatzes jede Veränderung der Weltpolitik zu spüren bekommen sollte und sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Ortes zieht, war spätestens mit Beginn des Ersten Weltkrieges klar. Im Truppenlager befand sich das größte Gefangenenlager Bayerns mit 23.000 Kriegsgefangenen. Doch das ist eine eigene Geschichte wert.

Die Wirtschaftsmisere in den zwanziger Jahren hatte katastrophale Folgen für das völlig vom Militär abhängige Grafenwöhr und endete erst 1933. Einen wirtschaftlichen Aufschwung ohnegleichen erlebte die Stadt während der dunkelsten Jahre deutscher Geschichte von 1933 bis 1945. Durch die Erweiterung des Truppenübungsplatzes und die Umsiedlung der dortigen Bewohner stieg die Einwohnerzahl von 2300 im Jahr 1933 auf insgesamt 4300 im Jahr 1939. Weitere Gaststätten und Betriebe wurden eröffnet. Die Stadt „schwamm“ während dieser Jahre geradezu in Geld.

Im Truppenübungsplatz waren während des Zweiten Weltkrieges verschiedene ausländische Truppen einquartiert, die an der Seite Hitlers kämpften. Darunter die Blaue Division (Spanien), San Marco (Italien) und ungarische Verbände.

Grafenwöhr lernte mit „Fremden“ zu leben

Im April 1945 übernahmen die Amerikaner den Truppenübungsplatz. Nach der Bombardierung im April war es mit Sicherheit nicht Liebe auf den ersten Blick. Aber die Abhängigkeit vom „Lager“ war allen bewusst und nicht nur die hiesigen Geschäfte und Lokale verdienten an den Amerikanern. Auch Zivilbeschäftige fanden bei den „Amis“ Arbeit.

Nach dem Krieg zog es viele Flüchtlinge, Vertriebene und aus der Kriegsgefangenschaft entlassene Soldaten nach Grafenwöhr. Der Ort war durch die Gelegenheit zum Broterwerb attraktiv. 1948 zählte Grafenwöhr 4700 Einwohner und die Wohnungsnot war groß. Aber den Zuzug von „Fremden“ nahm die Stadt stets als Herausforderung an. So waren auch in den 60er Jahren die sogenannten „Fremdarbeiter“ aus Italien willkommen.

Grafenwöhr – eine Stadt der Völkerverständigung?

Wie konnte es anders sein, reagierten die Stadtoberhäupter bei der politischen Wende 1989/90 einmal mehr auf die Entwicklung der Weltpolitik. Um für die Spätaussiedler rasch Wohnraum zu schaffen, wurden in Grafenwöhr und Hütten Übergangswohnheime gebaut. Viele sind geblieben und die Einwohnerzahlen überschritten im Jahr 2000 die 7000er Marke.

Wurde 2000 noch über den Abbau amerikanischer Truppen in Grafenwöhr gesprochen, hat sich dies nach 9/11 schnell geändert. Im Zuge der Stationierung neuer Truppen wurde das Großprojekt der US Army Europe gestartet und trug den Namen „Efficient Basing Program Grafenwöhr“. Mit einem Gesamtvolumen von 650 Mio. Euro wurde der Standort Grafenwöhr optimiert. 3.500 Soldaten wurden in Grafenwöhr stationiert, die sich zusammen mit ihren rund 5.000 Familienangehörigen in der Region zusätzlich ansiedelten. Heute steht den Amerikanern eine gewachsene Infrastruktur für den Übungsbetrieb als auch für die Freizeitgestaltung auf dem Truppenübungsplatz zur Verfügung und auch außerhalb des Übungsplatzes nutzen die Soldaten mit ihren Familien die Einkaufs -und Freizeitmöglichkeiten.

Eine Stadt, die nie stillsteht. Lassen wir uns überraschen, was die Zukunft bringt.

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