04.09.2020

Das Handwerk hatte von jeher eine große Bedeutung in Grafenwöhr. Bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts übte neben einem landwirtschaftlichen Betrieb fast jede Familie auch ein Handwerk aus. Die Geschichte dazu ist ausführlich in der Chronik von Lehrer Schenkl beschrieben.

Macht und Ansehen der Zünfte

Im 12. Jahrhundert schlossen sich die ersten Handwerker schon zu Vereinen zusammen. Diese Vereinigungen können als die Anfänge der späteren Zünfte angesehen werden. Im 14. Jahrhundert mussten sich die Handwerker gegen die Adeligen behaupten und organisierten sich zu politischen Körperschaften, ihr Ansehen und ihre Macht wuchsen. Die Zünfte wurden ins Leben gerufen. Die Zunftvereinigungen fanden bald ihren Weg auch in kleinere Orte, besonders in Gegenden, in denen der Feldbau wenig Ertrag abwarf. Das traf auch auf Grafenwöhr zu.

Per Handschlag zum Lehrvertrag

Zünfte kümmerten sich um die Heranbildung eines tüchtigen Nachwuchses. Wollte ein Knabe ein Handwerk erlernen, durfte er das nur, wenn er seine ehrliche und eheliche Geburt nachweisen konnte. Der junge Mann musste redlich, tüchtig und „unverlaimbt“, d. h. gut beleumundet sein, so Schenkl. Erst dann wurde er 14 Tage zur Probe eingestellt. Bewährte sich der Junge während der Probezeit, brachte ihn der Meister zum Zunftmeister, zu vier weiteren geschworenen Meistern und der Lehrvertrag wurde festgelegt. Meister und Lehrling besiegelten ihre gegenseitigen Rechte und Pflichten durch Handschlag. Ein Mann – ein Wort, sozusagen.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Die Lehrzeit dauerte zwei bis drei Jahre und war nicht nur Fachausbildung, sondern auch Reifeprüfung. Nach der Lehrzeit wurde der Lehrling bei einer Feierlichkeit „ledig gezellt“, d. h. freigesprochen und nannte sich Geselle, Knappe oder Knecht. Er begab sich danach auf eine genau vorgeschriebene zwei- bis dreijährige Wanderung. Durch die Arbeit in den Werkstätten fremder Meister für mehrere Jahre vertiefte er seine Fachkenntnisse und Lebenserfahrung. Das Wandern tat dem jugendlichen Körper gut und mancherlei Entbehrungen und Gefahren machten aus dem Jüngling einen reifen Mann. So manches Muttersöhnchen und lockerer Bursch kam als gefestigter Charakter zurück.

 

Meisterstellen waren rar

Nach Ablauf der Gesellenzeit legte der Geselle seine Meisterprüfung ab, diese war durch die Zunftvorschriften genau bestimmt. Er hatte ein Meisterstück anzufertigen und musste verschiedene einschlägige Fragen beantworten. Jede falsche Antwort wurde mit 7 ½ Kreuzern bestraft. Die Freude über die bestandene Prüfung war groß, allerding ging das Festgelage auf Rechnung des Prüflings. Der Name des frischgebackenen Meisters wurde in das Meisterbuch der Zunft eingetragen, jedoch war die Zahl der Meisterstellen an einem Ort beschränkt. Einheimische Meistersöhne oder Gesellen, die eine Meistertochter oder -witwe heirateten, manchmal mit riesigem Altersunterschied, hatten es nicht schwer, Meister zu werden. Wesentlich schwieriger gestaltete sich die Sache, wenn diese Voraussetzungen fehlten. 

Die Zunftordnungen bestimmten nicht nur die Ausbildung der Handwerker. Einen Einblick in die strengen Vorschriften der Zünfte verrät das nächste G’schichterl.

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