08.12.2020

Nach dem 2. Weltkrieg herrschte in Grafenwöhr große Wohnungsnot. Durch die Flucht von Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland und dem schlesischen Raum kamen viele Arbeitssuchende nach Grafenwöhr und hofften auf eine Anstellung bei der US-Armee. Holzbarackenlager in der Bahnhofssiedlung und entlang der Pressather Straße, beginnend bei der früheren Shell-Tankstelle bis zum jetzigen Busunternehmen Göttel, dienten als Notunterkünfte. Die Wohnungsnot wurde in den fünfziger Jahren mit Wohnblockbauten in der Eichendorffstraße angegangen und vom Landkreis finanziell unterstützt.

In Grafenwöhr kam die Idee auf, dieser Not mit einer neuen Siedlung entgegenzuwirken. Dazu brauchte es allerdings Familien, die gerne ein Haus ihr Eigen nennen wollten und auch das nötige Startkapital aufbringen konnten. Als sich nach einer Veröffentlichung dieses Vorhabens eher sehr begüterte Bürger dafür meldeten, aber nicht die Familien aus den Notunterkünften, bat man den damaligen Stadtpfarrer Ludwig Schmidt um Hilfe. Dieser schaltete das Diözesansiedlungswerk in Regensburg ein und die neue Siedlung sollte den Zielsetzungen der Caritas entsprechen.

  

Ein Aufruf in der Kirche erfolgte. Aber auch das kirchliche Hilfswerk war darauf angewiesen, dass siedlungswillige Familien Eigenkapital mitbrachten. Ohne gab es keine staatlichen Wohnungsbaudarlehen. Woher sollten die kinderreichen Familien aus den Notunterkünften so viel Geld nehmen? Durch eine fundierte Beratung, unter anderem mit dem Leiter des Siedlungswerkes, bei der Zusammenstellung der Finanzierung waren 1956 14 Siedlerfamilien für den ersten Bauabschnitt gefunden. Der nächste Schritt war der Ankauf der benötigten Grundstücke. Hier stieß Stadtrat Leonhard Daubenmerkl auf durchwegs offene Ohren, wie er es in seiner Geschichte „Wolfgangsiedlung, einst eine der kinderreichsten Siedlungen der Bundesrepublik“ in der Stadtchronik Grafenwöhr erzählt. Mithilfe des Stadtpfarrers Schmidt ging dies schnell über die Bühne und die ersten Pläne für die Erschließung der neuen Siedlung konnten eingereicht werden.

Pläne abgelehnt

Der erste Bebauungsplan mit zwei Straßeneinmündungen in die Pressather Straße wurde von der Ortsplanungsstelle der Regierung in Regensburg und dem Straßenbaumamt abgelehnt. Es gab für einen neuen Plan drei Bedingungen. Das Straßenbauamt war nur mit einer Einfahrt in die Pressather Straße einverstanden und keines der neuen Häuser durfte direkt an dieser Hauptstraße stehen. Zudem machte die Ortsplanungsstelle zur Auflage, der Siedlung einen dorfähnlichen Charakter mit einem Dorfplatz zu verleihen. Der Stadtrat akzeptierte die Einwände und der endgültige Segen der Regierung ließ nicht lange auf sich warten.

Wasserwirtschaftsamt legt sich quer

Es war vorgesehen, dass sämtliche Häuser Hauskläranlagen mit Sickerschächten bekommen sollten. Das Wasserwirtschaftsamt lehnte dieses Vorhaben ab und verlangte für die gesamte neue Siedlung eine eigene Kanalisation mit einer gemeinsamen Kläranlage. Die Stadt stand vor einer völlig neuen finanziellen Aufgabe, die im Haushaltsplan nicht abgedeckt war. Auch dieses Hindernis konnte durch eine gemeinsame Finanzierung von Stadt und Siedlungswerk überwunden werden.

   

Zuteilung der staatlichen Wohnungsbaumittel

Da Grafenwöhr bereits erhebliche Mittel für die Wohnblockbauten in der Eichendorffstraße erhalten hatte, gab es mit der Zuteilung neuer finanzieller Mittel Schwierigkeiten. Gerade zur rechten Zeit kam ein Besuch des Regierungspräsidenten Ulrich in Grafenwöhr. Bürgermeister und Stadträte legten ihm die finanzielle Notlage für die neue Siedlung nahe. Daraufhin stellte die Regierung der Oberpfalz außerplanmäßig und sofort ein entsprechendes Wohnungsbaudarlehen zur Verfügung. Im August 1958 wurde für die ersten 10 Rohbauten Hebmahl gefeiert und bereits kurz vor Weihnachten zogen die ersten Siedler in ihr neues Heim. Der Stadtpfarrer gab der Siedlung den Namen des Diözesanpatrons – Wolfgangsiedlung.

Innerhalb von 10 Jahren entstanden in vier Bauabschnitten 37 Eigenheime. Der Preis für ein Anwesen variierte je nach Größe des Grundstücks. Durchschnittlich lag dieser bei 40 000 DM. Die Wolfgangsiedlung ist ein Gemeinschaftswerk, an dem viele mitgeholfen haben. Durch die Trägerschaft des Diözesansiedlungswerk haben meist kinderreiche Familien Heim und Heimat gefunden. Mit 176 Kindern war diese besondere Siedlung eine der kinderreichsten der Bundesrepublik. Verständlich, dass 1978 ein Kinderspielplatz auf zwei Bauplätzen in der Flurstraße errichtet wurde.

  

Gelebte Gemeinschaft

Im Juli 1959 gründete man den Verein Siedlergemeinschaft St. Wolfgang Grafenwöhr. Das erste Siedlerfest wurde 1974 in der Bierlohstraße gefeiert und findet immer am 15. August statt. Gemeinsam wird jedes Jahr ein Gottesdienst zum Fest Mariä Himmelfahrt im Freien vor dem „Alten Kircherl“ gefeiert. Die Pflege der „Maria-Hilf-Kapelle“ ist 1991 vom Heimatverein an die Siedlergemeinschaft St. Wolfgang übertragen worden, die sich seitdem mit großem Engagement um die Kapelle kümmert.

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