04.11.2020

Erst ab Frühjahr 1915 sollte sich die Lage entspannen, als die Kriegsgefangenen in Industrie, Wirtschaft und Landwirtschaft abgestellt wurden.

Vorher waren sie beim Aufbau des Lagers, beim Torfstechen, bei Rodungen,  bei Anlegen von Entwässerungsgräben, etc. beschäftigt. Rund 13.000 Gefangene blieben in Grafenwöhr, der Rest wurde in Industrie und Landwirtschaft abgestellt.Das Amtsblatt Eschenbach vermeldete am 7.4.1915: Auf Antrag können Gefangene zur Bestellung von Feld- und Forstarbeiten abgestellt werden. Auch weiter entfernt hatte man Bedarf an Kriegsgefangenen.Die Franzosen wurden nach Wackersdorf zum Braunkohleabbau abbestellt, die Russen mussten im Elsass in Bergwerken arbeiten und wurden außerhalb von Bayern in der Landwirtschaft eingesetzt. Ein Teil der Gefangenen blieb im Lager, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Auch in der Stadt Grafenwöhr wurde die Hilfe von Kriegsgefangenen beansprucht. Zum einen in der Landwirtschaft, zum anderen für die Infrastruktur. So wurde 1915 von russischen Gefangenen vom damaligen Feuerwehrhaus am Grabengrund bis zur Bahnhofgaststätte bei der Einmündung des Mittelbergweges ein Gehweg angelegt. 1916 arbeiteten 30 Russen an der Begradigung der Creußen zwischen Kollermühle und Grafenwöhr mit und man konnte somit die Hälfte der Kosten einsparen.  Doch schon 1917 hatte man mehr Anfragen als Gefangene.

 

Vom Lagerleben zeugen zahlreiche Dokumente. Interessant sind die Aussagen  aus den verschiedenen Perspektiven von Häftlingen, Wachpersonal oder Bediensteten. Ein Gedicht mit 14 Strophen, das im Amtsblatt Eschenbach am 2. Juni 1915 unter dem Titel „Im Gefangenenlager“ von zwei Wachposten veröffentlicht wurde, beschreibt das Leben der Häftlinge wie folgt:

Im Gefangenenlager

In dem Grafenwöhrerlager
kann man jetzt viel‘ Dinge sehn.
Russ’n hungrig, dreckig mancher,
Posten müssen da viel stehn.

Geht es da zum Menagieren,
gibt’s ein jammervolles Bild.
Viele woll’n nicht reagieren,
benehmen sich direkt wie wild.

Viele wollen zweimal essen,
reihen sich noch einmal an.
Leider wird’s nicht zugelassen,
durch den bayerischen Landsturmmann.

Aschengruben, Kehrichtlöcher,
wühlen sich ganz um und um.
Und entdecken sie ein Krümchen,
schlagen sie sich gleich darum.

Kommt Befehl „in die Baracke“,
schauen sie tiefsinnig d’rein.
Und zum schönsten Zeitvertreiben,
schnitzen sie dann Vögelein.

Tauben, Hühner und auch Schwäne,
schnitzen sie ja ganz famos,
benützen Lagerabfallspäne,
für ein Stückchen Kommis bloß.

Lange stehen sie da und schauen,
warten auf ein Stückchen Brot,
bis dann jemand hat Erbarmen,
kauft es ab in ihrer Not.

Ist der Handel dann zu Ende,
keiner will nichts kaufen mehr,
nehmen‘s ihre Hos‘ und Hemden,
und machen sich von „Völkern“ leer.

Auch in dieser Lagerzone,
hat man nicht nur Russen blos,
auch noch andere Nationen,
nämlich unsern Herrn Franzos‘.

Alle beide sind geschlossen,
neben uns ins Feld marschiert,
wer von ihnen nicht erschossen,
wurde hierher transportiert.

Länger hier schon harren mussten,
die Franzosen ganz allein,
deshalb dürfen sie für d’Russen,
jetzt auch schon die Köche sein.

Die Kameradschaft ist verschwunden,
zwischen beiden Völkern jetzt.
Klagen wie aus einem Munde:
„Das böse England hat gehetzt!“

Ungebildet ist der Russe,
etwas feiner der Franzos‘,
darum geht beim Menagieren,
er auf Kamerad „Ruski“ los.

Wachen müssen wir viel machen,
Landsturm- und Landwehrmann,
machen’s gern und nur mit Lachen,
keiner kann uns kommen an.

                                                Schöberl und Heisinger

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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