23.10.2020

„Verlassene Orte“ entstanden als die rund 58 Dörfer und Weiler durch die Erweiterung des Truppenübungsplatzes Grafenwöhr ab 1938/39 nicht mehr bewohnt werden durften. Etwa 3.500 Menschen verloren damals ihre Heimat. In der Militärabteilung des Kultur- und Militärmuseums wird auf die Absiedelung durch die RUGES (Reichsumsiedlungsgesellschaft) eingegangen.

Dieses G’schichterl ist dem ehemaligen Dorf Pappenberg gewidmet. Als einer der ersten Orte musste Pappenberg bereits 1938 geräumt werden. Es war eine der zentralen Ortschaften im Gebiet des heutigen Truppenübungsplatzes und bis zuletzt selbstständige politische Gemeinde mit eigener Schule. Das Dorf selbst bestand zur Zeit der Ablösung aus 42 Anwesen. Zur Gemeinde und Pfarrei Pappenberg gehörten viele kleinere Dörfer, Weiler und Einzelhöfe.

  

Für die insgesamt 628 Bewohner kam der Räumungsbefehl überraschend, weil sie es nicht wahrhaben wollten, dass der Übungsplatz vergrößert werden sollte. Vor allem die Älteren traf die Nachricht schwer. Das ist nur allzu verständlich, haben ihre Vorfahren über viele Jahrhunderte Höfe und Felder bewirtschaftet und von Generation zu Generation ihre Anwesen weitervererbt. Die Pappenberger lebten von Ackerbau und Viehzucht und verrichteten ihr Handwerk.

      

Maria-Himmelfahrts-Kirche Pappenberg

Pappenberg war früher ein vielbesuchter Marienwallfahrtsort und besaß eine gotische Pfarrkirche mit dem berühmten Gnadenbild der Jungfrau Maria über dem Frauenaltar. Dieses Bild wurde viele Jahrhunderte verehrt und hieß im Volksmund „Schwarze Margreth von Pappenberg“. Während des Dreißigjährigen Krieges brachte man das Originalbild der Gottesmutter nach Prag in die Stiftskirche Strahhof (heute: Strahov). Das Presbyterium, der älteste Teil der Kirche, geht vermutlich auf die Zeit um 1200 zurück und wurde im 15. Jahrhundert um die östliche Hälfte ergänzt. 1610 erweiterte man die Kirche um ein Langhaus. Der imposante gotische Bau war mit weißen Marmorsteinen gepflastert und besaß fünf Altäre. Eine Besonderheit von Pappenberg ist, dass bei der Absiedlung fast das ganze Dorf nach Wolfskofen bei Regensburg umsiedelte. Mitgenommen wurde auch nahezu die komplette Inneneinrichtung ihrer Kirche. Im Thurn- und Taxis-Gut Wolfskofen baute man 1939 eine Dorfkirche, die mit der mitgebrachten Kirchenausstattung eingerichtet wurde. Ein bisschen Heimat an einem fremden Ort. Heute stehen die Reste der ehemals über das Dorf hinausragenden Maria-Himmelfahrts-Kirche von Pappenberg am Rande der Impact Area (Zielgebiet). Wegen des Schießbetriebes im Truppenübungsplatz ist es selten möglich die Wüstung zu besuchen, doch in Jubiläumsjahren werden vor der Kirchenruine nach wie vor Gottesdienste abgehalten. Viele ehemalige Bewohner beziehungsweise ihre Nachkommen nehmen daran teil.

 

Kuckucks-Kirwa von Pappenberg

Die erste Kirchweih des Landkreises wurde jedes Jahr in Pappenberg abgehalten – am Sonntag nach Christi Himmelfahrt. Die Kuckucks-Kirwa hatte ihre Bezeichnung vom gleichnamigen Vogel bekommen, weil zu dieser Jahreszeit die Kuckucke lebhaft riefen. Diese Kirwa war ein Volksfest und dauerte drei Tage. Von überall kamen Geschäftsleute und bauten ihre Stände auf. Necken konnte man die Pappenberger damit, dass man in ihrer Gegenwart den Kuckucksruf nachahmte, denn damit sollte angedeutet werden, dass die Bewohner des Dorfes angeblich in Ermangelung von Hühnern Kuckucke brieten. Das war selbstverständlich Unsinn, trotzdem kam es während der Kirwa wegen dieser Neckereien des Öfteren zu handfesten Auseinandersetzungen. Lustig ging es in den drei Wirtshäusern beim „Wirtsdickn“, beim „Johann“ und beim „Lunzn“ zu, drei Tage wurde dort getanzt. Die Pappenberger Kuckucks-Kirwa lebte noch lange nach der Umsiedlung in guter Erinnerung bei den Besuchern weiter.

Das einstige Dorf Pappenberg lag 7 km südwestlich von Eschenbach entfernt. Bei gutem Wetter konnten die Bewohner den Rauhen Kulm erblicken oder sogar das Fichtelgebirge. In alle Himmelsrichtungen gingen die „Pappenberger“ nach der Auflösung ihres Dorfes auseinander. Vielleicht fand so manche Familie sogar bessere Voraussetzungen für Ackerbau und Viehzucht vor. Doch so schön die „neue Heimat“ auch gewesen sein mag – es war nicht daheim!

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