Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte in Grafenwöhr aus verschiedenen Gründen große Wohnungsnot. Zum einen kamen wegen der Absiedlung von fast 60 Ortschaften für die Erweiterung des Truppenübungsplatzgeländes 1938 viele Familien nach Grafenwöhr. Weiterhin wurden durch die Bombardierung im April 1945 zahlreiche Häuser in der Stadt zerstört, insbesondere die Alte und die Neue Amberger Straße. Ab dem Kriegsende strömte  zudem eine große Anzahl an Flüchtlingsfamilien aus Schlesien und dem Sudetenland nach Grafenwöhr.

Einige Wohnungslose fanden eine vorübergehende Unterkunft in den Holzbaracken in der Pressather Straße und Bahnhofsiedlung, andere konnten vorerst in den verlassenen Dörfern im Truppenübungsplatz unterkommen. Doch Anfang der 1950er Jahre ließ die US-Army den Platz restlos räumen, was die Wohnungsnot erneut verschärfte.

Im Altlandkreis Eschenbach lebten bei 35.478 Einwohnern 8.722 Vertriebene. Das waren 25 % der Gesamtbevölkerung im Jahre 1952. Die Einwohnerzahl von Grafenwöhr stieg auf Grund des Zustroms an Flüchtlingen von 3.500 in der Kriegszeit auf 4.700 Einwohner an.

Abhilfe für die große Wohnungsnot sollten vom Staat geförderte Wohnbauprojekte schaffen. Man gründete eine gemeinnützige Wohnungsbau GmbH, in welcher als Gesellschafter der Landkreis Eschenbach, die Städte Grafenwöhr, Eschenbach, der Markt Kirchenthumbach und weitere Kommunen, Vertreter der Kirche und des Handwerks vertreten waren. Weiterhin trat die Bundesvermögensanstalt Amberg als Bauträger auf.  Als geeigneter Standort wurde in der Nähe vom Rosenhof und östlich der Vilsecker Straße geeigneter Grund gefunden. Hier sollte die Eichendorffstraße entstehen, benannt nach dem schlesischen Dichter Joseph Freiherr von Eichendorff.

Zwischen 1950 und 1954 bauten die Wohnungsbau GmbH und die Bundesvermögensanstalt Amberg schrittweise die Wohnblöcke in der Eichendorffstraße und Adalbert-Stifter-Straße. Es wurden immer bis zu drei Gebäude errichtet, dann waren die Planungen für die nächsten Wohnblöcke an der Reihe. Insgesamt wurden in den ersten vier Jahren 13 Wohnblöcke gebaut, ein 14. kam 1956/57 hinzu. Der Einzug in die modernen Wohnblöcke war zweckgebunden. In den Gebäuden 1 bis 6 bezogen überwiegend Heimatvertriebene und Kriegsgeschädigte, z.B. Ausgebombte, ihr Heim. Die Wohnblöcke 7 und 8 waren Ausgesiedelten aus dem Truppenübungsplatz vorbehalten. Auf die Blöcke 6 bis 11 waren „Altbesatzungsverdrängte“ verteilt, d.h. Menschen, deren Wohneigentum von der US-Army für deren Eigenbedarf genutzt wurde. Über die letzten beiden Gebäude 12 und 13 durfte die Stadt selbst verfügen.

 

Die Zeitung „Der Neue Tag“ berichtet immer wieder von dem Großbauprojekt, dessen Fortschritt, und der Einteilung der Wohneinheiten. Die Eschenbacher Ausgabe vom 20.6.1950 meldet über die ersten fünf Gebäude:  „Grafenwöhr baut moderne Häuser. Die Architekten Kuttner und Weber beschäftigen sich mit der Auswertung der Pläne. In den 5 Wohnblocks entstehen insgesamt 110 Wohnungen, dort sind 8 Baufirmen [u.a. Carini, Kneidl, Pravida Pressath]beschäftigt. Die Größe der Zimmer beträgt 14 bis 17 qm. Die abgeschlossenen Wohnungen mit Bad, Speisekammer und Korridor sind zwischen 45 und 70 qm. Meist sind es Zwei-Zimmerwohnungen mit Wohnküche, für größere Familien sind Drei- und Vier-Zimmer-Wohnungen vorgesehen. Jeder Mieter erhält seinen eigenen Keller, der mit Beton ausgestampft wird. Parterre wird mit einer Ziegelmauer ausgeführt, für den 1. und 2. Stock liefert die Firma Georg Deyerling Hohlblocksteine (Hucki-System). In jeder Wohnung ist fließendes Wasser, im Keller für mehrere Parteien ein Waschhaus mit Einrichtung. Auf dem Dachboden bietet sich die Gelegenheit zum Aufhängen der Wäsche. Die Miete für die neuen Wohnungen wird mindestens 0,50 DM/qm betragen. Bis zum Herbst sollen die Wohnungen bezugsfertig sein. Vor den Wohnblocks werden Rasenflächen angelegt, Holzlegen sind vorgesehen, werden aber nur errichtet, wenn die Mittel ausreichen. Es werden hier keine Familien einziehen, deren Einkommen eine gewisse Höchstgrenze überschreitet.

Dabei wurde mit Planung bereits an soziale Treffpunkte und Nahversorgungsmöglichkeiten gedacht. Der Grafenwöhrer Stadtrat genehmigte im November 1950 die Erstellung von Ladenbauten.

Zwei Jahre später, im Sommer 1952, befinden sich bereits der sechste, siebte und achte Wohnblock im Bau. „Der Neue Tag“ berichtet am 28.6.52 über die Beteiligung der Wohnungsbaugesellschaft des Landkreises. 20 Wohnungen sollen im Wohnblock Nr. 6 errichtet werden. „Die Größe der Wohnungen liegt bei 47 und 48 qm, die Miete dürfte sich bei über 40,-DM belaufen. In Grafenwöhr entsteht ein Wohnblock mit 3 Stockwerken, wo […] Familien aus dem Lager untergebracht werden sollen. Der Wohnblock hat eine Länge von 42 Metern und 9,25 Meter Breite. Er wird sich den bestehenden Gebäuden anpassen.“ Im Juli 1953 ist Wohnblock VI schließlich bezugsfertig. Der Zuschnitt der Wohnungen beträgt entweder 2 Zimmer, Küche, Bad, WC oder 3 Zimmer, Küche, Bad, WC. In den Genuss dieser Wohnungen kommen 21 Familien. In Grafenwöhr gibt es immer noch 300 wohnungssuchende Familien. Die Miete ist tragbar und den Verhältnissen angepasst. Kellerräume und mehrere Waschküchen sind vorhanden.                         

Die Wohnblöcke Nr. 7 und 8 ließ laut einer Meldung des Neuen Tags vom 23.9.52 das Landbauamt Amberg mit 25 Wohnungen parallel zu Wohnblock 6 errichten. Nach nur sechs Wochen Rohbau wird im September Richtfest gehalten. Die Zeitung berichtet über die große Wohnungsnot in Grafenwöhr wie folgt: „Die Wohnraumsituation von Grafenwöhr dürfte in der ganzen Oberpfalz einmalig sein. 346 Familien suchen noch eine Wohnung, 39 Familien wohnen noch in Elendsbehausungen. Die Bautätigkeit in Grafenwöhr wird nicht so schnell zu einem Ende kommen.

Im Dezember 1952 erfährt man über die Wohnblöcke sieben und acht aus dem Neuen Tag: „[Mit der] Aussiedlung der noch auf dem Gebiet des Truppenübungsplatzes ansässigen Bewohner fand ein schwieriger Prozess seinen Abschluss. In Grafenwöhr und Eschenbach wurden durch das Landbauamt Amberg je 2 und in Kirchenthumbach 1 Wohnblock mit 14 Wohnungen errichtet. Die Wohnblöcke haben 3-Zimmerwohnungen und 2-Zimmerwohnungen mit Wohnküche und Bad, eine Speisekammer fehlt. Die Wohnungen konnten nicht ausgetrocknet werden, im ersten Jahr werden sie feucht sein. Die Miete beträgt 0,75 DM/qm und dürfte so auch für Minderbemittelte tragbar sein.

Deshalb hat die Wohnungsbau GmbH im Sommer 1952 parallel zum Bau des sechsten Wohnblocks bereits die Planung weiterer 2 Blöcke, der Nummern Nr. 9 und 10 mit je 8 Wohnungen angepackt. Der Neue Tag berichtet am 12.8.52, dass der Grunderwerb für die beiden Bauten vom Stadtrat beschlossen wurde. Diesmal sollen es insgesamt 16 Wohnungen für Altbesatzungsverdrängte werden. Da die Wohnungsnot nach wie vor groß war, werden auch die Dachgeschosse zu vier Wohnungen ausgebaut. Dieser Wohnraum geht im Rahmen des Barackenauflösungsprogramms auf Kosten der Stadt. Im September 1953 wurde Wohnblock Nr. 9 der Dachstuhl aufgesetzt. Die Fertigstellung war bis zum Winter geplant.  Im Januar 1954 schließlich konnten zehn Familien dort eine neue Heimat finden. Diese 2-bzw. 3 Zimmer-Wohnungen sind 47 bis 56 qm groß, der Mietpreis liegt zwischen 38 und 54 DM.

  

Im Herbst 1953 vergab der Stadtrat bereits den Bau für die Wohnblöcke Nr. 11 und 12 mit 12 Wohnungen. Berücksichtigt werden die Baufirmen Carini, Kneidl oder Renner & Sailer, Max Trummer (Spengler), Brautfelder (Schreiner), Wurdack & Hofmann und Paul Deyerling (Treppen). Den 13. Wohnblock hat die Stadt Grafenwöhr 1953 für die Landeswohnungsbaufürsorge Regensburg begonnen zu bauen.

Mit den 13 innerhalb von vier Jahren errichteten Wohnblöcken war die Wohnungsnot in Grafenwöhr Mitte der 1950er Jahre längst noch nicht erledigt. Der Neue Tag meldet im Herbst 1955 für die Stadt noch 300 Wohnungssuchende, der Stadtanzeiger im Sommer 1957 immer noch 180 ständig Wohnungssuchende.

Schließlich baute die Landeswohnungsfürsorge Regensburg noch den letzten Wohnblock XIV mit 6 Wohnungen, diese konnten ab Oktober 1957 bezogen werden.

 

  

Im Herbst 1957 war es dann auch so weit, dass die letzte Baracke in der Pressather Straße geräumt und abgebrochen wurde.

Die größte Wohnungsnot war Ende der 50er Jahre aufgrund der regen Bautätigkeit in ganz Grafenwöhr, dank der Wohnblöcke in der Eichendorffstraße und auch der Erschließung der Wolfgangssiedlung überstanden. Der Stadtanzeiger vom Januar 1957 zeigt eine beeindruckende Statistik der Bautätigkeit der vergangenen Jahre, Spitzenreiter ist das Jahr 1953 mit 101 Bauanträgen: 

Jahr

Bauanträge bei der Stadt Grafenwöhr

1948

41

1949

68

1950

56

1951

60

1952

66

1953

101

1954

87

1955

61

1956

67

Doch Grafenwöhr ist durch den Truppenübungsplatz oder politische Umstände immer weitergewachsen und musste bald schon wieder Herausforderungen am Wohnungsmarkt meistern. Für Flüchtlinge aus dem Ostblock wurde 1959 ein Wohnblock geplant. 1960 erschloss die Stadt Bauland am Schönberg, da der Bundeswehr Wohnungen zur Verfügung gestellt werden mussten. Und so ging es immer weiter. Auch nach der Wende gab es große Bautätigkeit, z.B. die Übergangswohnheime für Spätaussiedler in der Sebastianstraße oder in Hütten. Nicht zuletzt entstanden auch im groß angelegten Efficient Basing Program 2010 große Wohnsiedlungen für amerikanische Familien in Grafenwöhr, Gmünd und Hütten. Und so wächst und wächst die Stadt immer weiter und hat es immer wieder geschafft, Geflüchtete oder Gäste in die kleine Stadt zu integrieren und in freundschaftlichem Miteinander und guter Nachbarschaft zu leben.

TIPP: Am Annamarkt, 24.7. ist von 14-16 Uhr Tag der offenen Baustelle im neuen Gebäudekomplex des Landkreissiedlungswerks!

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